Donnerstag, 1. Juli 2010
Main-Echo, Samstag, 27. März 2010
Als die »Bimmel« noch schnaufte
100 Jahre Elsavatalbahn: Nostalgische Ausstellung am Sonntag im Elsenfelder Heimatmuseum - Täglich stiegen 500 Glanzstoffarbeiter ein
Elsenfeld Über ein halbes Jahrhundert lang war die Elsavatalbahn die Lebensader des südwestlichen Spessarts. Eine Ausstellung im Heimatmuseum Elsenfeld zum 100. Jahrestag ihrer Jungfernfahrt weckt beim Elsenfelder Ostermarkt am Palmsonntag, 28. März, Erinnerungen an ein Stück Eisenbahngeschichte. Geöffnet ist das Heimatmuseum von 13 bis 17 Uhr.

Den Älteren noch in Erinnerung: Die Elsavatalbahn macht Halt am Bahnhof Eschau-Mönchberg. Die Dampflok wurde 1927 von Henschel in Kassel gebaut und am 19. September 1969 ausgemustert.
Foto: Wolfgang Höllerer
Es war das Jahr 1890, als fortschrittliche Männer im Elsavatal, meist Ärzte, Lehrer und Geschäftsleute, immer wieder Anstöße zum Bau einer Eisenbahnlinie in den Spessart gaben. Unter ihnen war auch der Rücker Hauptlehrer Josef Schwarz (1858-1941) und der Schippacher Müller Völker. Die Interessengemeinschaft »Spessartverein Elsava« wurde gegründet und Eingaben an Landtagsabgeordnete verfasst. Man erhoffte sich einen starken wirtschaftlichen Aufschwung und neue Arbeitsplätze für die Elsavatalgemeinden.
1,3 Millionen Reichsmark
Der Bahnbau dauerte von 1908 bis 1909 und kostete 1,3 Millionen Reichsmark. Gerechnet wurde mit einer Rentabilität von zwei bis drei Prozent, die nur mit Kosteneinsparungen machbar waren. Deshalb fand sich kein privater Investor, so dass die Königlich-Bayerische Staatsbahn nach langem Drängen einspringen musste. Die Betreiber sparten, wo es nur ging, bauten unbeschrankte Bahnübergänge und spartanisch ausgestattete Bahngebäude.
Die Gemeinden mussten den Grund und Boden bereitstellen und die Erdarbeiten finanzieren. Die letzten »Heidengräber« auf dem Elsenfelder Dammsfeld wurden dabei zum Leidewesen der Archäologen ausgeräumt und eingeebnet, den vielen Froscharmeen wurde es zu unruhig und zu trocken, auch die einfliegenden Storchgeschwader wurden kleiner, seltener und blieben schließlich aus.
Holz, Getreide, Sandsteine
Die Elsavatalbahn transportierte Holzbohlen und Schwellen als Grubenholz für die Bergwerke im Ruhrgebiet, Holzkohle aus den Kohlenmeilern für die Eisenverarbeitung, Obst und Getreide aus landwirtschaftlichen Betrieben, Sandsteine aus den umliegenden Steinbrüchen und Vieh aus dem Spessart. Durch die günstigen Transportbedingungen mit der Bahn erhofften sich Unternehmer eine Steigerung des Tonabbaus aus Schippach und die Wiederinbetriebnahme des Mangan-Bergwerks bei Himmelthal. Angeliefert wurde überwiegend Saatgut, Düngemittel und Maschinen, Baumaterial für Gebäude- und Straßenbau, meist Basaltschotter sowie Krämerwaren und Bier.
Es war auch die Zeit, als der Tourismus aus Aschaffenburg und Frankfurt in den Spessart kam. Die Wochenendausflügler erklommen die Geishöhe oder pilgerten zur Wallfahrtskirche Hessenthal. Die Städter rasteten danach meist in bahnhofsnahen Gaststätten, um ihren Zug nicht zu verpassen. Nach der Gründung der Glanzstoffwerke im Jahr 1925 stieg der Personenverkehr aus dem Spessart stark an. 500 Arbeiter pendelten täglich zur »Glanzstoff«, weitere Hunderte zu ihrem Arbeitsplatz nach Aschaffenburg. Die Elsavatalbahn mit ihrer schnaufenden Dampflok wurde von den Einheimischen liebevoll »Bimmel« genannt.
Führerloser Güterwaggon
In all den Jahren blieben auch größere und kleinere Unglücke nicht aus. Infolge eines Hochwassers wurden 1924 bei Hobbach die Schienen unterspült. Die Lok entgleiste und stürzte in die Böschung. Mehrere Personen wurden leicht verletzt. Ein Güterwaggon fuhr führerlos von Heimbuchenthal nach Kleinwallstadt, entgleiste aber nicht. Bei einem Beschuss durch Flieger während des Zweiten Weltkrieges im März 1945 waren drei Tote zu beklagen.
In den Fünfziger- und Sechzigerjahren kam für Deutschland der große Aufschwung. Die Menschen motorisierten sich und waren nicht mehr auf die starren Fahrpläne der Bahn angewiesen. Der Personenverkehr auf der Elsavatalbahn ging stark zurück und war nicht mehr rentabel. Gleichzeitig wurden die Sicherheitsanforderungen höher und die unbeschrankten Bahnübergänge wegen der großen Unfallgefahr nicht mehr tragbar. Es hätte viel Geld in den Streckenausbau und in die alten Bahngebäude investiert werden müssen. Deshalb entschied sich die Deutsche Bundesbahn 1968 zur Stilllegung der Bahnlinie in den Spessart. Die »Bimmel« hatte für immer ausgedient.
Früher häufig anzutreffen, heute fast vergessen: Die Rufzeichentafel im Fernsprecherhäuschen diente dazu, Störungsmeldungen abzusetzen.
Repro: Martin Roos


Nostalgischer Gruß: Diese Postkarte wurde zur Erinnerung an den Bahnbau Obernburg- Heimbuchenthal verschickt.
Repro: Martin Roos
»Mit brausenden Hochrufen empfangen«
Erste Zugfahrt: Der Bericht im Obernburger Boten
Obernburg/ Elsenfeld Die Jungfernfahrt der Elsavatalbahn am 9. Januar 1910 war für die Region ein Festtag. Entsprechend überschwänglich liest sich der zeitgenössische Bericht im Obernburger Boten vom 11. Januar:
»Die Stadt Obernburg prangte in reichem Fahnenschmuck, (...) die vielen weiß-blauen Fahnen brachten einen feierlichen Ton in das anmutige Elsavatal. Nach dem Mittagstisch um 12.50 Uhr trat der Festzug von Station Obernburg-Elsenfeld ab unter Klängen der Stadtkapelle Obernburg und Böllerschüssen seine Fahrt an. Sobald der Zug die Station Obernburg-Elsenfeld verlässt und sich links gegen den Spessart wendet, entrollt sich dem Fahrgaste ein fesselndes Bild, die schöne Mainebene wird sichtbar, umkränzt von den Wäldern des Spessarts und Odenwalds, das altehrwürdige Stadtbild von Obernburg schmiegt sich an den Silberstreifen des Maines an und die schmucke Ansicht von Elsenfeld zieht an dem Beschauer vorüber und Rufe des Entzückens werden laut, als der Zug an dem idyllisch in Waldeseinsamkeit liegenden Kloster Himmelthal vorüberfährt.
An jeder Station wurde der Zug mit brausenden Hochrufen empfangen, die Schuljugend mit ihren Herren Lehrern hatte sich mit blau-weißen Fähnchen aufgestellt, die gesamte Einwohnerschaft der betreffenden Orte war herbeigeeilt und selbst das alte Mütterchen schleppte sich heran, um Zeuge des denkwürdigen Augenblicks der Bahneröffnung zu sein.
Königshymne intoniert
Bürgermeister und Lehrer hielten an den einzelnen Stationen Ansprachen, welche übereinstimmend die Freude über das gelungene Werk, die Hoffnung auf einen gedeihlichen Umschwung in den wirtschaftlichen Verhältnissen des Spessarts und den Dank an die zuständigen Behörden zum Ausdruck brachten und in einem Hoch auf den geliebten Prinzregenten gipfelten. Die Musikkapellen intonierten die Königshymne. Möge der heutige Tag ein Markstein sein in der Entwicklung des Spessarts und des ganzen unteren Maintals und mögen sich die auf die Bahn gesetzten Hoffnungen in reichsten Maße erfüllen. Das walte Gott!«
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