Samstag, 11. September 2010
Main-Echo, Freitag, 20. April 2001
Frommer Sinn und politisches Machtkalkül
Von der Gründung bis heute: Examensarbeit von Nadine Kolb ordnet die 769-jährige Geschichte des Klosters Himmelthal
Kreis Miltenberg. »Das Kloster Himmelthal im Wandel der Zeit – vom kontemplativen Frauenkonvent zur sozialen Einrichtung« – Mit diesem Thema hat sich die Lehramtsstudentin Nadine Kolb in ihrer Examensarbeit befasst. Die 24-jahrige gebürtige Collenbergerin hat damit die erste umfassende Chronik des Klosters vorgelegt.
"Das Alte stürzt, es ändert sich die Zeit, und neues Leben blüht aus den Ruinen.« Dieses Zitat aus Friedrich Schillers »Wilhelm Tell« scheint Nadine Kolb geradezu maßgeschneidert zu sein für die Entwicklung des Klosters Himmelthal im Lauf seiner 769-jährigen Geschichte. Rund 40 Jugendliche nutzen heute die Berufsbildungsstätte Himmelthal für berufsvorbereitende Reha-Maßnahmen. Ungefähr 30 Kinder und Jugendliche im Alter von elf bis 16 Jahren besuchen die »Elsavaschule zur Erziehungshilfe mit heilpädagogischer Tagesstätte«.

Nadine Kolb hat sich intensiv mit der Geschichte des Klosters Himmelthal beschäftigt. Aus der romanischen Gründungszeit 13. Jahrhundert) stammt diese in der Klosterkirche aufgestellte Sandsteinskulptur eines hundeköpfigen Dämonen, der eine menschliche Gestalt (wohl eine Nonne) umschließt.
Foto: Schreiner
Lag den Gründern und frühen Förderern des Klosters die Sorge um das eigene Seelenheil besonders am Herzen, so bemühen sich Träger und qualifizierte Mitarbeiter der Himmelthaler Sozialeinrichtungen heute um das Wohl der ihnen anvertrauten jungen Menschen. So ist es gelungen, das geistige und kulturelle Erbe zu erhalten und mit einem sozialen Zweck zu verbinden. Neben seinem frommen Sinn hatte der Stifter des Klosters, Graf Ludwig II. von Rieneck, machtpolitische Ziele. Selbst ein relativ kleines Kloster war ein weiterer gegen das Erzstift Mainz gerichteten Stützpunkt. Unbeeindruckt von den Querelen der großen Herren entwickelte sich das Kloster prächtig.
Die edlen Familien des Adels und Patriziats förderten das Aufblühen Himmelthals teils durch Anmeldung und Ausstattung ihrer Töchter zur Aufnahme in das Kloster, teils durch letztwillige Verfügungen und Schenkungen. So erhielt das Kloster weitere Liegenschaften, Pachtzinsen, Renten und Fruchtzehnten. Nach 1400 waren mehr als 80 Dörfer und Höfe der Umgebung zinspflichtig.
Der Zeitgeist des ausgehenden Mittelalters als Epoche des religiösen und moralischen Niedergangs verschonte auch das Kloster im Elsavatal nicht. Machten die Zisterzienser zur Zeit Bernhards von Clairvaux »die alte Askese in ihrer ganzen Härte geltend«, gab man sich in Himmelthal – wie anderswo – nicht mehr mit der kargen Zisterzienserkost zufrieden. Einzelzellen ersetzten nun den Schlafsaal, ein Federbett die Decke über dem Strohsack. Die »Schwestern des Grauen Ordens« wollten nicht auf die vor ihrem Eintritt gewohnten Sinnenfreuden verzichten.
So verwundert es nicht, daß die Einnahmen nicht die gestiegenen Bedürfnisse der Klosterfrauen befriedigen konnten. Gegen Ende des 14. Jahrhunderts stieg die Verschuldung unaufhörlich an und zehrte den ehemaligen Wohlstand fast völlig auf.
Mit dem wirtschaftlichen Verfall ging die von Ordnung und Moral einher. Die Klosterfrauen fuhren zu Besuchen aus, empfingen Gäste und legten ( je nach Belieben) ihr Ordenskleid ab und feine Gewänder an. Sogar Liebschaften von Nonnen sind belegt.

Im Durchbruchstal
der Elsava stifteten
die Grafen Rieneck im
13. Jahrhundert das
Zisterzienserinnen-
kloster Himmelthal.
Drei Jahrzehnte fast unaufhörlichen Krieges versetzten dem Konvent mit Raub, Plünderungen und Zerstörungen vernichtende Schläge. Hinzu kam, dass sich die Rechtsnachfolger der 1559 ausgestorbenen Grafen von Rieneck, die Grafen von Erbach, zur neuen protestantischen Lehre bekannten. Vor ihnen versuchte der Mainzer Erzbischof die Klostergüter in Schutz zu nehmen. 1569 wurde aber vom
Reichskammergericht das Vogteirecht über das Kloster Erbach zuerkannt wurde.
Mehr als 30 Jahre hielt die Äbtissin mit nur einer Laienschwester in dem halbverfallenen Kloster durch. Als sie ihren Tod herannahen sah, übergab sie am 27. Februar 1601 Amt und Kloster in die Hand des Mainzer Erzbischofs. Das Klosterleben in Himmelthal war von den beiden Machtblöcken Erbach und Mainz zerrieben worden.
Mainz übergab 1626 Kloster Himmelthal mit all seinen Liegenschaften der Aschaffenburger Niederlassung der Jesuiten. Während des 30-jährigen Krieges diente es dem Jesuitenkolleg als Wirtschaftsbetrieb. Schenkungen, Erbschaften und Vermächtnisse führten zu einem enormen Aufschwung der Jesuitenniederlassung Aschaffenburg zu Anfang des 18. Jahrhunderts. So renovierte man auch die schadhaften Gebäude in Himmelthal und errichtete 1753 eine neue Kirche. Klösterliches Leben gab es jedoch in Himmelthal nicht mehr. Als der Papst 1773 die Societas Jesu weltweit aufhob, belief sich der Himmelthaler Besitz auf schätzungsweise 155 000 Goldgulden, die einem heutigen Wert von mehr als zehn Millionen Mark entsprechen. Himmelthal ging als Hofgut an das Erzstift Mainz zurück. Die Vermögenserträgnisse verwaltete der Ex-Jesuitenfonds in Mainz. Diese Behörde besteht seit 1892 nach verschiedenen Namensänderungen in Aschaffenburg als »Stiftungsamt Aschaffenburg«. Himmelthal ging es in der Folgezeit nicht anders als anderen aufgelassenen Klöstern. Für die Gebäude fand sich keine Nutzung, so dass die Bausubstanz immer mehr litt.

1972 schmiedeten die Verantwortlichen des Stiftungssamtes und des Arbeitsamtes Aschaffenburg mit Vertretern des Internationalen Bundes für Sozialarbeit/Jugendsozialwerk Pläne, um eine Einrichtung für berufsvorbereitende Maßnahmen zu organisieren. Sanierung, Umbau und Erweiterung begannen 1972. Im Herbst 1974 wurden erstmals Förderungslehrgänge für Jugendliche, die bei der Eingliederung in die Berufswelt Hilfe benötigten, angeboten.
Dieses nachgotische Fenster ziert das Obergeschoss des südöstlichen Klosterflügels.
Chronologie der Klostergeschichte
Gründung des Klosters Himmelthal:
Volkssage erzählt vom „Teufels-Ritt“ der Nonne Agnes
Die Nonnen des Klosters Himmelthal zwischen Keuschheitsgelübde und weltlichen Versuchungen
Kreis Miltenberg. Bei ihrer Erforschung der Geschichte des Klosters Himmelthal ist Nadine Kolb auch auf einige Anekdoten und Episoden gestoßen.
Mit dem wirtschaftlichen Niedergang des Klosters ging der moralische Verfall einher. »Klagen werden laut, daß die Nonnen ihre Tage sorglos mit Besuchs- und Spazierfahrten zubringen, im Kloster Besuche empfangen, und daß sie nach Lust und Laune das Ordenskleid ablegen und in schönen Gewändern herumflanieren.«
In dieser Zeit entstand auch die Sage »Himmelthal« über die Nonne Agnes. Weil die Nonnen lieber der Weltlust frönten, als nach den strengen Regeln des heiligen Bernhard von Clairvaux zu leben, schickte der Erzbischof von Mainz einen geistlichen Kommissär nach Himmelthal. Er redete den Nonnen eindringlich ins Gewissen und viele (so schildert die Sage) nahmen sich seine mahnenden Worte zu Herzen. Aber eben die junge Nonne Agnes spottete bei Mitschwestern über den Geistlichen. Als sich ihr die Gelegenheit bot, mit einem Jäger ein Verhältnis anzufangen, war ihr im Taumel der Leidenschaft nichts mehr heilig. Sie verga8 ihr Gelübde und wollte ihm in den Wald folgen. In der Nacht des Treffens gab es ein schweres Gewitter, das Flüßchens Elsava riss Übergänge und Stege weg, der Jäger ertrank auf dem Weg. Agnes glaubte aber an der verabredeten Stelle den Jäger stehen zu sehen und eilte zu ihm. »Da zuckte ein heller Blitzstrahl durch die schwarze Gewitternacht und ein Schrei, den man durch das Brausen des Sturmes im Kloster hörte, gab Kunde, dass Agnes den erkannt hatte, der die Stelle ihres Buhlen einnahm.«
Nur ein halbverbrannter Schleier blieb von Schwester Agnes übrig. Zur Erinnerung an diese Begebenheit wurde an der Stelle, wo man den Schleier gefunden hatte, ein Stein eingemauert, der den Teufel, auf einer Nonne reitend, darstellt.
Auch existieren im Kloster zwei Sandsteinplastiken, die in Verbindung mit der Dekadenz gebracht werden können. Im 13. Jahrhundert hatte man Dämonenfiguren in die Westfassade der ersten Kirche Himmelthals eingemauert. Mit der Errichtung der beiden steinernen Bildwerke wollte man möglicherweise demonstrieren, daß die Klosterfrauen sehr wohl um die dunklen Mächte der Unterwelt wussten (besonders schien die sexuelle Begierde angesprochen zu sein), dagegen aber ankämpften.
Spekulieren kann man auch über die Frage, warum die Jesuiten später ein so großes Gotteshaus bauten, denn außer dem Pater Prokurator hielten sich nur höchst selten Jesuiten in Himmelthal auf. Vermutlich sollte eine Wallfahrtskirche entstehen - immerhin bedeuteten Wallfahrten eine lukrative Einnahmequelle. So ist schon vor dem 30-jährigen Krieg von stets gut besuchten »Creutz-Wallfahrten« der umliegenden Ortschaften zum Patrozinium St. Sebastian nach Himmelthal die Rede. Die Klingenberger kamen jedes Jahr mit Musik, Fahnen und »Singjungfern«.
Der geschäftstüchtige Prokurator Pater Schommartz, der ab 1750 bis 1771 in Himmelthal wirkte, wollte (nicht uneigennützig für den Orden) die Kreuzwallfahrt wieder ins Leben rufen. Trickreich trieb er aus Rom ein »Creutz particul« mit Echtheitszertifikat auf. Mit der Entlassung Schommartz verschwand auch die Reliquie, über die später keiner mehr ein Wort verlor.
Pater Schommartz galt bei der regionalen Bevölkerung und auch in Mainzer Hofkreisen als rechthaberisch und eigenwillig. Diese Charaktereigenschaften des legendären Prokurators führten während seiner Amtszeit zu großen Zwistigkeiten. Weiterhin ist davon die Rede, dass der selbstherrliche Jesuitenpater pfarramtliche Rechte des Klosters, die dem Pfarrer von Erlenbach oblagen, für sich in Anspruch nahm.
Als er dann schließlich auch noch die Festtagsgottesdienste an den Stiftungstagen, die vom Erlenbacher Pfarrer oder seinen Kaplänen zu zelebrieren waren, von einem Franziskanerpater aus Miltenberg feiern lies, war wohl das Maß für Mainz voll. Das Generalvikariat entschied, dass »dem beklagten Collegio die geistliche pfarrliche Jurisdiction über die Hofleute zu Himmeltal« nicht zustehe.
Geblieben ist im Volk der Geist des gefürchteten Paters Schommartz, »der mittlerweile weiterlebt im Elsavagrund als Kinderschreck - Mütter drohen ihren widerborstigen Sprößlingen: »Wart ner, wennste nit folchst, hollt dich der Pader Schommerz, wann er widder nachts kümmt un de Jesuitebersch >rabmächt<!«
